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  • Julika Sudermann

Mittleres Management als Schlüssel zum Nachhaltigkeitserfolg

Viele große Unternehmen entwickeln Strategien für die Bewältigung des Klimawandels, des Abbaus sozialer Ungleichheit und anderer wichtiger Nachhaltigkeitsprobleme. Allerdings ist die Umsetzung der Strategien häufig nicht ausreichend. Auch wenn Unternehmen ernsthafte Handlungsabsichten haben, die Probleme wachsen zu schnell. Wichtig für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien ist, dass die Geschäftsführung eine klare strategische Richtung und den Sinn dahinter vermittelt. Auch die Führungskraft, welche die Nachhaltigkeitsfunktion im Unternehmen leitet (z.B. Chief Sustainability Officer oder Leiter:in der ESG-Abteilung), spielt eine zentrale Rolle in der Ausgestaltung der Strategie.


Die Führung „von oben“ reicht jedoch nicht aus. Der Erfolg von Sozial- und Umweltinitiativen hängt auch von den Führungskräften auf mittlerer Ebene ab, d.h. den Abteilungs- und Teamleiter:innen. Auch wenn Nachhaltigkeit nicht explizit Teil ihrer Stellenbeschreibungen ist, stehen viele von ihnen vor der Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen, Fähigkeiten auszubauen und bestimmte Nachhaltigkeitsziele zu übernehmen. Um Nachhaltigkeitsstrategien in die Umsetzung zu bringen, muss der Fokus im gesamten Unternehmen verankert werden, sowohl im Personalwesen als auch in der Forschung und Entwicklung, Finanzen, Marketing, Vertrieb, Customer Service und im Bereich der Beschaffung. Jede Funktion ist ein wichtiger Teil, um der gemeinsamen Verantwortung gerecht zu werden.


Insgesamt können vier Hauptstufen des Reifegrades von Unternehmen in Bezug auf die Bemühungen um unternehmerische Nachhaltigkeit unterschieden werden:


  • Stufe 1: Zurückhaltend und skeptisch 

  • Stufe 2: Eine Basis aufbauend

  • Stufe 3: Beschleunigend 

  • Stufe 4: Führend


Diese vier Reifegradstufen bauen aufeinander auf und die Entwicklung entlang der vier Stufen sollte oberstes Ziel der Unternehmen sein, welche Nachhaltigkeitskonzepte zielführend implementieren wollen. Im Folgenden werden die einzelnen Stufen betrachtet und die Herausforderungen diskutiert. Zentral sind Vorschläge für das Mittlere Management, um  Nachhaltigkeitsstrategien und entsprechende Aktivitäten in der Organisation voranzutreiben.


 

Stufe 1: Zurückhaltend und skeptisch 


Nicht selten haben Unternehmen noch das Verständnis, dass es den Aktionären nur um Gewinnmaximierung geht und Nachhaltigkeit für diese uninteressant ist. In solchen Unternehmen wird Nachhaltigkeit häufig als „gewinnschmälerndes Übel“ wahrgenommen, welches Mehrkosten verursacht. Nachhaltigkeitsthemen werden hier meist nur minimal aufgrund von gesetzlichen Vorschriften umgesetzt. Die Kernaufgabe für das Mittlere Management ist, ein Bewusstsein für die ökologischen und sozialen Fragen der Nachhaltigkeit zu schaffen und dies zur Agenda des Unternehmens hinzuzufügen. Folgende Themen sollten hier höchste Priorität haben, um entsprechende Maßnahmen abzuleiten:


  • Einhaltung von gesetzlichen Anforderungen und Bewertung der relevanten Themen für das Unternehmen;

  • Reaktion auf die Fragen von Investor:innen, Kund:innen und anderen Stakeholdern:innen;

  • Erstellung von Berichten über Klimarisiken und Sammeln von Daten dafür (z.B. CO2-Emissionen in der Wertschöpfungskette);

  • Analyse der Erwartungen von Kund:innen, Mitarbeiter:innen und Investor:innen in Bezug auf Nachhaltigkeit;

  • Analyse der wirtschaftlichen Vorteile für Nachhaltigkeit, z.B. Senkung der Energiekosten;

  • Vergleich von Produktangeboten des Wettbewerbs und Durchführung einer Marktanalyse, um weitere Argumente für Entscheider:innen zu sammeln

  • Einholen der Perspektive von Nichtregierungsorganisationen zur Nachhaltigkeitsleistung des Unternehmens;

  • Förderung des öffentlichen Engagements für Nachhaltigkeitsziele, um selbst konsequent im Handeln zu werden.


Ein wesentlicher Erfolgsfaktor in dieser Phase ist, dass Führungskräfte aus der mittleren Ebene in den Austausch gehen, sich vernetzen und eine Koalition bilden, die ihr Interesse für Nachhaltigkeit im Unternehmen vertreten kann. In dieser Phase ist es wichtig, erste Ziele in den wichtigsten ESG-Kategorien (z.B. CO2, Abfall, Menschenrechte, Lieferkette) festzulegen.


 

Stufe 2: Eine Basis aufbauend


Auf der zweiten Stufe befinden sich Unternehmen, die ein klares Bewusstsein für die Dringlichkeit von Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Unternehmen haben, aber bisher nicht genau wissen, wie sie es umsetzen sollen. Deshalb ist die Kernaufgabe des Mittleren

Managements in dieser Phase, die benötigten Fähigkeiten aufzubauen, um Nachhaltigkeit im Unternehmen zu verankern.



Folgende Prioritäten und Maßnahmen sind für diese Phase entscheidend:

  • Erfassung der Daten sowie die Messung von Fortschritten bezogen auf die ESG-Auswirkungen des Unternehmens, inkl. der Prozesse wie Finanzplanung und Lieferkettenmanagement;

  • Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsberichten unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsstandards auf dem Markt;

  • Austausch und Lernen zu Nachhaltigkeitspraktiken von führenden Unternehmen in benachbarten Sektoren, um das eigene Unternehmen zu ermutigen, neue, ehrgeizige und motivierende Nachhaltigkeitsziele (z.B. Zero-Waste-Organisation) zu formulieren;

  • Ausweitung der Ziele auf die Zulieferer:innen und Kund:innen;

  • Stärkere Verankerung von Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen bezüglich der Kernfunktionen wie Personalwesen, Beschaffung, Marketing, Finanzen und Forschung & Entwicklung;

  • Zusammenschluss von Menschen mit Nachhaltigkeitsverantwortung innerhalb des Unternehmens , um gemeinsam größere Ambitionen aufzubauen;

  • Finden und Fördern von Nachhaltigkeits-Champions, um Anregungen und Fähigkeiten innerhalb des Unternehmens zu stärken. 


 

Stufe 3: Beschleunigend


Der Sprung zwischen Stufe zwei und drei ist ziemlich groß. Die Unternehmen sind an einem Punkt angelangt, an dem sie sich zu nachhaltigem Handeln verpflichtet fühlen und bereit sind, sich Ziele zu setzen, die auf den Bedürfnissen der Gesellschaft basieren und mit externen Interessengruppen übereinstimmen. Oftmals sind Vergütungsanreize an die Nachhaltigkeitskennzahlen gebunden. Es besteht die Möglichkeit, dass Führungskräfte noch keine systemische Denkweise entwickelt haben, die für einen tiefgreifenden Wandel und innovative und kollaborative Ansätze für Probleme notwendig wären.



Die Aufgaben des Mittleren Managements bestehen in dieser Phase:

  • Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistungen auf der Ebene der Lieferanten und Ableitung von Maßnahmen, um die Umwelt- und Sozialkennzahlen zu verbessern;

  •  Investitionen in saubere Energie, höhere Effizienz und Abfallvermeidung;

  • Anpassung von Personalauswahl und Beförderungspraktiken in Anlehnung an Nachhaltigkeitsziele;  

  • Erhöhung der Geschwindigkeit der Nachhaltigkeitsbemühungen, u.a. durch den Aufbau von internen Nachhaltigkeitsstrukturen und Einbindung, sowohl der obersten Führungsebene als auch der operativen Führungskräfte, um diesen Verantwortung in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele zu übertragen; 

  • Einrichtung eines externen, strategischen Beirats mit Vertreter:innen aus verschiedenen Fachbereichen für den regelmäßigen Austausch und der Entwicklung von Vorschlägen und neuen Perspektiven; 

  • Verfolgung von ökologischen und sozialen Zielen, die wissenschaftlich basiert sind (z.B. Begrenzung der globalen Erderwärmung); 

  • Kooperation mit anderen Organisationen, um gemeinsam Ziele zu erreichen. 


Entscheidend in dieser Phase ist, dass die mittlere Führungsebene beginnt, Verantwortung für nachhaltiges Handeln zu übernehmen und Ziele durch transparente Berichterstattung im Unternehmen weiter zu verankern. So wird Nachhaltigkeit immer mehr zu einem festen Bestandteil der Unternehmensidentität. 


 

Stufe 4: Führend


Unternehmen in dieser Stufe denken groß und sind proaktiv in Bezug auf wichtige Probleme. Sie haben sehr ehrgeizige Ziele und streben das „Netto-Positiv“ an. “Netto-Positiv” heißt, dass diese Unternehmen das Ziel verfolgen und umsetzen, dem Planeten mehr zurückzugeben als sie nehmen, und gleichzeitig von dem Problemlösungsansatz wirtschaftlich profitieren.


In dieser Stufe sind die Aufgaben des mittleren Managements folgende:

  • Aufbau einer dauerhaften, nachhaltigen Infrastruktur, um einen positiven Wert für den Planeten zu schaffen - dafür sollten die mittleren Führungskräfte die Freiheit haben, an den größten sozialen und ökologischen Herausforderungen zu arbeiten (beispielsweise Korruption, Menschenrechte, politischer Einfluss und echte Inklusion); 

  • Nachhaltigkeitsansprüche in der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen stellen;

  • Kooperationen über die eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten hinaus mit der Zivilgesellschaft und der Regierung, um zu einer Politik beizutragen, die sektorspezifische oder -übergreifende Lösungen ermöglicht.


 

Engagierte Unternehmensleitungen und mittlere Führungskräfte tragen essenziell dazu bei, eine nachhaltige Reife zu erlangen und auszubauen. Diese Aufgabe mit wachsender Wichtigkeit gehört zu den Kernaufgaben eines Unternehmens, um relevant für den Markt zu bleiben. Die Einteilung in die vier Phasen kann eine wichtige Orientierung zu sinnvollen nächsten Schritten geben, aber auch als Handlungsaufforderung für das Mittlere Management verstanden werden.




 

Quelle: Winston, A., Polman, P., & Seabright, J. (2023). Middle management is the key to sustainability: How unsung heroes ensure a company’s impact. Harvard Business Manager. 




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